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Jāņi, die Sonnwendfeier

Heute Nacht wurde in Lettland (ebenso wie in vielen anderen Länder der Region) die Sommersonnenwende gefeiert. Damit dieses heidnische Fest zumindest den Hauch eines christlichen Anscheins bekommt, wird es am Vorabend des Namenstages von Johannes dem Täufer (24. Juni) abgehalten. Gefeiert wird aber trotzdem gemäß den heidnischen Traditionen.

Dazu gehört – wenn ich die Jāņi-Feier, der ich beigewohnt habe, als Maßstab heranziehe – als Erstes offensichtlich ein Volkstanz von acht Paaren, gekleidet in traditioneller Tracht (wobei die Damen alle einen Blumenkranz am Kopf tragen, und ein Herr einen Eichenkranz). Danach laden diese 16 Tänzer die Umstehenden ein, bei einer Art Quadrille mitzumachen – wobei "einladen" relativ zu sehen ist: So schnell konnte ich gar nicht schauen, schon hat mich jemand (trotz Kamera in der Hand) geschnappt und in die Reihe der Tanzpaare gestellt.

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Volkstanz

Die "Quadrille" ist aber gottseidank leicht zu lernen: Die Reihen der Damen und Herren bewegen sich zuerst (wie auch bei uns üblich) zwei Mal aufeinander zu und wieder weg, um das Gegenüber zu begrüßen. Dann beginnen die Paare von einer Seite aus durch das Spalier aus Tänzern zu tanzen, während die Reihen im Seitschritt nachrücken. Wie in der Mitte durchgetanzt wird, ist je nach Durchgang (wir hatten vier) verschieden, wobei mir nicht bekannt ist, ob es da eine genau Tradition gibt. In unserem Fall war es ein traditioneller Galopp, zwei Mal ein Durchtanzen mit vor dem Körper bzw. über Kopf verschränkten Armen (linke in linke bzw. rechte in rechte Hand), sowie im "Freistil" (wobei die meisten Paare entweder Drehungen vollführt, oder sich die Dame einfach nur beim Herren eingehängt hat).

Anschließend erfolgt das Entzünden der Sonnwendfeuer. Davon gibt es nämlich nicht nur eines, sondern gleich deren drei: eines für die Männer, eines für die Frauen und eines für die Paare (wie sich herausstellen sollte). Demgemäß werden die Feuer von einem Mann (aus der Tänzerriege, jenem mit Eichenkranz am Kopf), einer Frau (ebenso aus der Tänzerriege) bzw. beiden gemeinsam entzündet.

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Sonnwendfeuer der Männer

Doch die Holzstapel werden nicht nur einfach in Brand gesetzt, sondern es gibt – zumindest beim Feuer der Herren bzw. Damen – offensichtlich ein weiteres Ritual, das vollführt wird, während der Holzstapel noch glost. Im Fall der Männer stellen sich alle Männer im Kreis um das Feuer auf, gehen einige Schritte im Kreis, und drehen sich dann alle zur Mitte hin. Dann beginnt der Feuer-Entzünder sich seinem linken Nachbarn zuzuwenden (und dieser Ersterem), um ihm zwei Mal in die in Brusthöhe präsentierten Handflächen zu klatschen. Dieser dreht sich dann zu seinem linken Nachbarn um, und gibt das Hädeklatschen auf die gleiche Art weiter, usw. Dabei wird mit jedem Doppel-Klatschen von allen laut "Hoh! Hoh!" (*) gerufen. Diese gesamte Prozedur wird zwei Mal durchgeführt.

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Sonnwendfeuer der Frauen

Dann geht es weiter zum Holzstapel der Frauen, wo sich diesmal die Frauen im Kreis aufstellen. Nach dem Entzünden des Feuers beginnt jedoch die Frau, die das Feuer entfacht hat, auf eine der Frauen zuzugehen, um sie mit einem kleinen Knicks einzuladen mitzukommen. Dann gehen die beiden gemeinsam im Gänsemarsch weiter, und die Anführerin sucht sich (anscheinend zufällig) die nächste Frau im Kreis aus, die eingeladen wird. In der so entstandenen Schlange aus drei Frauen drehen sich nun alle um, und die Erste in der Schlange wählt die nächste Frau aus, die sie einladen möchte mitzukommen, usw. Nach einiger Zeit wird dann begonnen, mehr als nur eine Schlange zu bilden (entweder weil erkannt wurde, dass es sonst zu lange dauern würde, oder auch das ist Tradition, ich weiß es nicht).

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Sonnwendfeuer der Paare

Schließlich wird das Feuer der Paare entzündet, wobei es hier anscheinend keinen weiteren Brauch mehr gibt. Das Ganze war vor Sonnenuntergang, also kurz nach 22.00 Uhr, vollbracht; danach hat noch eine lettische Band (in der ungewöhnlichen Zusammenstellung von drei Gitarren, einer Geige, einem Schlagzeug, einem Synthesizer und einem Akkordeon) bis Mitternacht die Massen gerockt (wobei das wohl nicht mehr zum traditionellen Part gehören dürfte).

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Sonnwendfeuer

Nach dem Ende des Konzerts (während dessen die Menschenmassen eher größer als kleiner geworden sind) haben sich dann die meisten um die Feuer versammelt, um (wie es eben Brauch ist) dafür zu sorgen, dass die Holzstapel für den Rest der Nacht (bis zum Sonnenaufgang) weiter brennen. Dazu wird (wie es wohl Tradition, wenn auch eher nicht Brauch ist) mehr oder weniger viel Alkohol getrunken. Weil es jedoch sehr windig und dementsprechend kalt war, habe ich mich allerdings den Familien mit Kindern angeschlossen und den Heimweg angetreten.


(*) Es fällt mir schwer, den Laut genau in Worte zu fassen. Es klingt jedenfalls ein wenig anders als das "Ho ho ho!" des Weihnachtsmannes.

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