Guatemala für Dummies

Bald ist meine Abreise aus Guatemala eine Woche her – es ist also Zeit, auf die Eigenheiten dieses Landes zurückzublicken.

Sprache

  1. Die Bevölkerung besteht zu über 40 Prozent aus Indigenen, deren Muttersprache eine Maya-Sprache ist. Spanisch wird von diesen als erste Fremdsprache gesprochen und zur Kommunikation zwischen den unterschiedlichen Volksgruppen verwendet. Dementsprechend kann man (abseits sehr touristischer Gegenden, wie zum Beispiel Antigua) nicht damit rechnen, dass die lokale Bevölkerung eine weitere Fremdsprache (z.B. Englisch) spricht.
  2. Bereits Basis-Spanischkenntnisse werden (von dem spanisch-sprechenden Teil der Bevölkerung) freudig aufgenommen: Kaum hat man einen geraden Satz auf Spanisch herausgebracht, wird einem üblicherweise zu seinem guten Spanisch gratuliert. Möglicherweise liegt das aber auch nur daran, dass mein Akzent beim Spanisch-Sprechen nicht so furchtbar klingt wie der des "typischen" Nordamerikaners.
  3. Die mangelnde Englisch-Kenntnis macht sich auch bei der Popmusik bemerkbar: Von einigen populären Hits gibt es (offensichtlich extra für den lateinamerikanischen Markt) spanische Versionen. Bereits in Mexiko habe ich "My Heart Will Go On" auf Spanisch gehört; in Guatemala ist mir sowohl "Love Hurts" als auch "Baby I Love Your Way" untergekommen. Die Songauswahl verrät auch einiges über die lokalen Musikvorlieben: Schwülstige Liebeslieder kommen offensichtlich sehr gut an.

Sicherheit und Kriminalität

  1. Wenn man den Lokalnachrichten glauben darf, ist Guatemala ein sehr unsicheres Land: Ebenso wie in Costa Rica berichten die nämlich praktisch nur über Verkehrsunfälle, Mord und Totschlag – wenn es Aufnahmen der Leichen zu zeigen gibt, umso besser!
  2. Auch die große Zahl an bewaffnetem Wachpersonal (vor Banken oder manchen Geschäften) zeigt, dass es doch immer wieder Probleme mit Kriminalität gibt.
  3. Guatemala ist auch das einzige Land, wo ich an der Tankstelle jemanden mit umgehängter Maschinenpistole ein Auto putzen gesehen habe. (*)
  4. Als Tourist bekommt man von kriminellen Handlungen (zumindest in meinem Fall) gottseidank trotzdem wenig mit.
  5. Trotzdem kann es vorkommen, dass man (in meinem Fall in San Pedro de la Laguna) im Vorbeigehen von jemanden zugeraunt bekommt: Hey man, cocaine?
  6. Ein Sicherheitsproblem der ganz anderen Art stellen die Duschen dar, die es hierzulande oft gibt: Es gibt keinen Warmwasserboiler, sondern der Duschkopf heizt das Wasser elektrisch auf. Dazu benötigt er natürlich einen Stromanschluss, der nicht immer ganz fachmännisch erfolgt:

    Die Stromkabel führen direkt zum Duschkopf, wobei die Anschlussstellen nur mit Klebeband isoliert sind


    Da bekommt der letzte Halbsatz des zugehörigen Warnschildes gleich eine ganz andere Bedeutung:

    Please don't touch the upper knobs, it might get you through to another dimension

Kulturelle Unterschiede

  1. Als Europäer fällt man in Guatemala naturgemäß ziemlich auf – natürlich noch umso mehr, wenn man, wie ich, auch noch 1,95 Meter groß ist. Das kann schon einmal dazu führen, dass (kleine) Kinder vor einem weglaufen und sich hinter dem Rock der Mutter verstecken. Bei etwas größeren Kindern (in ländlicheren Gegenden) sind dann aber wir westlichen Besuchern eine echte Attraktion.
  2. Die Religion hat einen enorm hohen Stellenwert in Guatemala. Selbst wenn alten Maya-Göttern gehuldigt wird, der christliche Glaube ist trotzdem fixer Bestandteil des Lebens. Das zeigt sich auch in gelegentlichen Aufschriften oder Wandmalereien mit christlichem Hintergrund – wenn auch manche davon etwas psychedelisch ausgefallen sind:

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    Wandmalerei

  3. Mit dem Umweltschutz ist es noch nicht weit her in Guatemala: Leere Plastikflaschen oder -sackerln werden beispielsweise einfach aus dem Busfenster geworfen. Dementsprechend groß ist das Müllproblem. Das kann sogar so weit gehen, dass man in den Straßen etwas außerhalb der Stadt unterwegs ist und einem plötzlich eine sehr penetrante "Duft"-Wolke in die Nase steigt, weil dort offensichtlich jeder einfach seinen Müll deponiert. Auch auf den Wanderwegen stößt man immer wieder auf leere Chips-Packerln und dergleichen. Da ist offensichtlich noch viel Schulung und Erziehung nötig – denn die schöne Natur Guatemalas hat wahrlich besseres verdient!

Politik und Korruption

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Parteilogos

  1. Politik und Korruption ist in Guatemala tatsächlich eng verwoben: Der letzte Präsident sitzt wegen Korruption gerade im Gefängnis.
  2. Dementsprechend war eine Neuwahl notwendig, die im Oktober 2015 stattgefunden hat. Dabei wurden Hauswände, Felswände, ja sogar einzelne Steine als Wahlplakat verwendet und in den Parteifarben der wahlwerbenden Parteien angemalt. Man sieht noch immer einige der Parteilogos auf den Hauswänden.
  3. Andernorts bekommt man auch die Auswirkungen von Korruption und Misswirtschaft zu sehen: In einigen Ortschaften ist nur eine Straßenseite asphaltiert, die andere ist noch eine Stein- und Schotterpiste. Dafür habe ich zwei mögliche Erklärungen gehört, die beide durchaus plausibel klingen:

    1. Ein Lokalpolitiker ist mit dem Versprechen, für eine asphaltierte Straße zu sorgen, ins Amt gewählt worden. Er hat dann zuerst die eine Seite der Straße asphaltieren lassen – und dann gegen Ende seiner Amtszeit die zweite Hälfte erst im Falle seiner Wiederwahl in Aussicht gestellt (zu der es nicht gekommen ist).
    2. Die Firmen, die die Arbeiten durchführen, werden nach Arbeitsfortschritt bezahlt. Nach der Fertigstellung der ersten Hälfte der Straße bekommen sie den Löwenanteil für die zweite Hälfte ausbezahlt – und stellen die Arbeit ein.

Transport

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Pickup-Transport

  1. Auf besonders schlechten Straßen besteht der öffentliche Verkehr aus Pickups mit einem Metallgestell über der Ladefläche, an dem man sich festhalten kann. Diese Art der Fortbewegung ist offensichtlich ganz normal und entspricht auch der Straßenverkehrsordnung (so es denn überhaupt eine gibt), denn auch die Polizei fährt mit ihren Pickups mit Polizisten auf der Ladefläche (oder überhaupt ganz leger auf der Seitenwand der Ladefläche) sitzend herum.
  2. Innerstädtisch oder auf kürzeren Strecken werden Collectivos (Minibusse, zum Beispiel ein Toyota Hiace) eingesetzt, die unglaublich vollgestopft werden – 20 Personen in einem solchen Minibus sind nicht weiter erwähnenswert.
  3. Schließlich kommen, wie auch in den anderen Ländern Mittelamerikas, für den Überland-Verkehr Chicken-Busse zum Einsatz – mehr darüber in meinem nächsten Eintrag.

(*) Es hat sich dabei offensichtlich um das Wachpersonal der Tankstelle gehandelt, das bei der angebotenen Gratis-Autowäsche für Tankkunden mitgeholfen hat.

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