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Stadt ohne Burg

Der heutige Tag war leider ziemlich verregnet. Ein Glück, dass ich schon vor zwei Tagen zumindest einen Vormittag in Luxemburg-Stadt verbracht habe, sonst hätte ich außer Museen (und dem schönen Blick von meiner Unterkunft aus) nicht viel gesehen.

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Blick vom Bockfelsen

Meine Unterkunft liegt nämlich direkt zu Füßen der Festungsruinen, dem Bockfelsen, und so habe ich meine Spaziergang vor zwei Tagen auch dort begonnen. Eigentlich wollte ich mir gleich die Überreste der Kasematten ansehen, aber die haben (wie anscheinend so ziemlich alle Museen hier in Luxemburg) erst um 10:00 Uhr aufgesperrt. Da ich rund eine Stunde vorher unterwegs war, habe ich diesen Besuch erst heute nachgeholt – beeindruckend, was für Gänge da aus dem Fels gehauen wurden, um gute Schußpositionen auf mögliche Angreifer zu haben. Insbesondere der Gang tief unter der Schlossbrücke hat es mir angetan – da kommt richtige Abenteuerstimmung auf.

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Schlossbrücke

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Bock-Kasematten

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Grund

Doch zurück zu vorgestern: Anstelle der Besichtigung der Kasematten habe ich den sogenannten Wenzel-Rundweg in Angriff genommen, der an genau dieser Stelle beginnt und durch einige Teile der Altstadt führt. Zuerst kann man (entlang der sogenannten Corniche) den Blick vom Bockfelsen auf den tiefer gelegenen Stadtteil Grund genießen, bevor der Weg dort hinunter führt, und man über eine Brücke mit dem schönen Namen „Stierchen“ den Fluss Alzette überquert. Auf der anderen Seite folgt man dann den alten Festungsmauern, bis man bei einem Aufzug hinauf in die Oberstadt ankommt.

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Pfaffenthal

Überhaupt sind Aufzüge hier beliebt: Andernorts hat man einen Aufzug zwischen Oberstadt und dem tiefer gelegenen Pfaffenthal nicht in den Fels hinein gebaut, sondern freistehend und natürlich mit Glas ummantelt. So kann man während der Aufzugsfahrt (und davor bzw. danach von oben) den Blick aufs Pfaffenthal genießen. Den Vogel schießt aber wohl das Stadtmuseum ab, doch dazu weiter unten mehr.

Bei meinem Spaziergang über den Bockfelsen, Corniche und Grund hat die Stadt übrigens beinahe wie ausgestorben gewirkt. Bis auf vereinzelte Autos, Busse und Müllwagen, sowie ab und zu andere Touristen habe ich niemanden getroffen. Erst in der Oberstadt war dann mehr los – offensichtlich geht man Freitag Vormittag eher in den Luxusgeschäften der Oberstadt einkaufen. Neben diesen Geschäften findet man dort nur noch (für luxemburgische Verhältnisse gar nicht so extrem teure) Restaurants und den großherzoglichen Palast, allerdings beispielsweise keinen einzigen Supermarkt. Offensichtlich sind die Mieten in der Altstadt dermaßen hoch, dass sich ein solch mondänes Geschäft einfach nicht rechnet. Dafür ist in unmittelbarer Nähe der Altstadt (und der sie umgebenden Parkanlage) Platz für ein doch recht nobel wirkendes Altersheim – Luxemburger müsste man sein!

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Großherzoglicher Palast

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Altersheim

Dass das Leben als Luxemburger aber auch nicht immer ein Honigschlecken war (wie etwa im Mittelalter), habe ich dann im Stadtmuseum erfahren. Das zeichnet nämlich die über tausendjährige Geschichte der Stadt nach. Dabei beginnt der Rundgang mit einer Fahrt in einem 18  (!) großen Aufzug mit Wänden aus Glas, der beim Hinunterfahren den Gang zurück in der Geschichte der Stadt darstellt, indem man während der Fahrt immer wieder Ausstellungsgegenstände aus der jeweiligen Epoche erspäht. Danach arbeitet man sich über die Treppe wieder langsam nach oben.

Dabei habe ich beispielsweise gelernt, dass die erzwungene Schleifung der Festung im Jahre 1867 erst der Grundstein für das Aufblühen der Stadt war, weil so (gleich wie in Wien nach der Schleifung der Verteidigungsanlagen und dem Anlegen der Ringstraße im gleichen Jahr) erst Platz für die Ausbreitung der Stadt geschaffen wurde. Der Rundgang endet dann mit der Gründung der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl bzw. der daraus entstandenen Europäische Union, für die Luxemburg ja wichtiger Sitz einiger Institutionen ist.

Dementsprechend bin ich vor der Wahl gestanden, meine heutige Museumstour mit dem Thema Stahlindustrie oder Europäische Union fortzusetzen. Nachdem für die Institutionen letzterer ein eigener Stadtteil in Luxemburg-Stadt hochgezogen worden ist, während ersteres eine halbe Zugstunde entfernt in Esch-sur-Alzette sein Zentrum hat(te), habe ich mich natürlich für ersteres entschieden. (*)

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Hochofen A

So bin ich also nach Esch-sur-Alzette gefahren, wo man einen (bereits 1997 stillgelegten) Hochofen besichtigen kann. Leider hat das Wetter während der Zugfahrt deutlich umgeschlagen: Während es zu Beginn der Fahrt noch so ausgesehen hat, dass es aufreißt, hat es bei der Ankunft schon stark geregnet. So habe ich mich beeilt, den Eingang zum Hochofen zu finden, was gar nicht so einfach war, wie es vielleicht klingt. Zwar ist das Ding schon groß, sodass man es von weitem sieht, aber es war trotzdem eine (nahezu) komplette Umrundung nötig, um den gut versteckten Eingang zu entdecken. Nachdem ich drinnen mit Schutzhelm ausgestattet worden bin, habe ich mich gleich an den Aufstieg bis zur Gicht, der Einfüllöffnung des Hochofens A, auf 40 Metern Höhe gemacht. Dort oben hat es dann ordentlich geblasen (und die ganze Struktur hat beängstigende Geräusche von sich gegeben), aber man hat einen schönen Blick über den Stadtteil (und den benachbarten zweiten Hochofen B). (**) Nach ausgiebiger Erkundung bin ich dann wieder heil (wenn auch etwas nass) zurück nach Luxemburg-Stadt gefahren.

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Hochofen B

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Hochofen A


(*) Um die Rationalität meiner Entscheidung ein wenig zu verteidigen sei gesagt, dass ich mich auf der Suche nach einem halbwegs preiswerten Mittagessen schon weit in Richtung Bahnhof (und damit weg vom EU-Stadtteil) bewegt habe.

(**) Der dritte Hochofen C wurde übrigens in seine Einzelteile zerlegt und nach China verschifft.

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